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Warum sich Paare trennen

Wie kommt es dazu, dass man sich ewige Liebe verspricht, «in guten wie in schlechten Zeiten» und doch werden in der Schweiz über 40% aller Ehen geschieden (Bundesamt für Statistik, 2020)? Die gute Nachricht bereits voraus: Es werden mangelnde Kompetenzen innerhalb der Partnerschaft verantwortlich gemacht, welche unter anderem zur Auflösung der Ehe führen können. Und diese Kompetenzen kann man trainieren, wenn die Partnerschaft noch intakt ist. Das heisst, wer vorsorgt, kann eine Scheidung verhindern. Natürlich soll auch gesagt sein, dass eine Scheidung nicht per se nur schlecht ist. Manchmal wachsen zwei Menschen einfach auseinander und verspüren dann keine emotionale Nähe mehr zueinander. Das ist ein natürlicher Prozess. Schauen wir uns einmal näher an, was die Forschung zum Thema Scheidung herausgefunden hat.


Mancher mag sich gar fragen, wieso Menschen heute überhaupt noch heiraten. Diese Frage ist berechtigt, denn in der heutigen Zeit stellen viele die klassischen Beziehungsmodelle in Frage. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass eine erfüllende Beziehung immer noch als sehr wichtig für die Lebensqualität eingestuft wird und als eine Art Schutzfaktor für psychische und körperliche Störungen fungiert. Diese Studien konnten sogar darlegen, dass fehlende oder unbefriedigende soziale Beziehungen das Mortalitätsrisiko um 50 % erhöhen. Auch Scheidungen erhöhen das Mortalitätsrisiko. Wenn man eine Partnerschaft direkt bei Eheschliessung untersucht, bezeichnen sich 85 bis 95 Prozent der Paare als glücklich und würden nie an eine Scheidung denken. Diese Zahlen sinken aber mit fortschreitender Beziehungsdauer drastisch. Jedoch zeigen neuere Forschungsresultate, dass es nicht «die eine Beziehung» gibt, sondern, dass Beziehungsverläufe in unterschiedliche Klassen eingeteilt werden können, bei welchen nicht alle eine stetige Verschlechterung der Beziehungsqualität aufweisen. Wenn man diese einzelnen Klassen untersucht, erkennt man, dass nicht das Level der Beziehungszufriedenheit zu Beginn der Partnerschaft entscheidend für die Scheidungsrate ist, sondern vielmehr das Ausmass, in welcher sich die Beziehungsqualität über die Zeit hinweg verändert. Auch soziale, juristische und religiöse Aspekte haben einen Einfluss auf die Anzahl der Scheidungen.


Die Forscher Karney und Bradbury (1995) haben in einer ihrer Studie 3 Hauptprädikatoren entdeckt, welche relevant für Scheidungen sind: 1) Persönlichkeitsmerkmale der Partner*innen, 2) belastende Ereignisse und Stress sowie 3) mangelnde Kompetenzen in der partnerschaftlichen Interaktion. So konnten die Forscher zum ersten Punkt aufzeigen, dass das Scheidungsrisiko unter anderem genetisch bedingt ist. Menschen mit Eltern, welche sich scheiden liessen, haben ein höheres Risiko, selbst eine Scheidung in der eigenen Ehe zu erleben. Auch psychische Instabilität gehört zu den Faktoren, welche eine Scheidung begünstigen. Zu den mangelnden Kompetenzdefiziten gehören unter anderem die Kommunikationsfähigkeiten in der Beziehung, wie beispielsweise verallgemeinernde Kritik, Verachtung, Defensivität (sich stetig immer verteidigen) und das Mauern. Eine mangelnde Kommunikation gehört demnach zu den Vorhersagefaktoren für eine Scheidung. Zusätzlich gehören Commitmentdefizite und die emotionale Distanzierung zum*r Partner*in zu den Kompetenzdefiziten.


Negative Interaktionen in einer Partnerschaft sind aber nicht per se immer schlecht, denn Streit oder Uneinigkeiten gehören auch zu den besten Partnerschaften dazu. Vielmehr geht es darum, in welchem Verhältnis positive und negative Partnerschaftsinteraktionen auftreten. Dafür entwickelte Gottman (1993) die Balancetheorie der Partnerschaft. Diese besagt, dass auf jede negative Interaktion in einer Beziehung mindestens 5 positive Interaktionen folgen müssen. Auch wissenschaftliche Studien bestätigen, dass vor allem dieser ausgleichende Akt der Partner*innen durch positiven Interaktionen wichtig für die Stabilität der Partnerschaft ist. Ein anderes Modell zur Balance in einer Beziehung ist das Austauschtheoretische Scheidungsmodell von Lewis und Spanier (1979). Dort werden auf zwei Dimensionen a) die Partnerschaftszufriedenheit und b) die Beziehungsstabilität beschrieben. Zur Partnerschaftszufriedenheit gehören die Nutzen und Kosten einer Beziehung, welche sich gegenseitig ausgleichen. Nutzen können beispielsweise Liebe, Geborgenheit, emotionale Nähe oder die befriedigende Sexualität darstellen, während zu den Kosten Konflikte, persönliche Einschränkungen oder eine anstrengende Eigenschaft der anderen Person gehören. Zur Beziehungsstabilität gehören Alternativen und Barrieren. Bei Alternativen meinen die Autoren die subjektive Einschätzung der Partner*innen, ob sie ausserhalb der Beziehung andere noch attraktivere Partner*innen finden könnten. Zu den Barrieren zählt man die hohen Kosten einer Scheidung oder auch gemeinsame Kinder. Ein hohes Scheidungsrisiko besteht demnach, wenn die Kosten gegenüber dem Nutzen sehr hoch sind und die Beziehung zudem nicht stabil ist (wenig Barrieren resp. attraktivere Alternativen).


Natürlich gibt es noch viele weitere Theorien und Perspektive aus der Forschung. Sie alle führen jedoch zum Resultat, dass die partnerschaftlichen Kompetenzen beider Partner*innen hochrelevant sind für eine funktionale, gesunde Beziehung. Besonders die dysfunktionale Kommunikation scheint für die Partnerschaftszufriedenheit ausschlaggebend zu sein. Und diese wird besonders dann auf die Probe gestellt, wenn das Paar mit Alltagsstress zu kämpfen hat. In diesem Zusammenhang hat Bodenmann ein stresstheoretisches Scheidungsmodell entwickelt, welches den zerstörerischen Effekt von Alltagsstress auf die Partnerschaft beschreibt. Dies führt zu einer Art aushöhlendem Prozess, welcher dazu beiträgt, dass sich Partner*innen nach und nach emotional voneinander distanzieren. Denn durch Stress wird die gemeinsame Zeit als Paar reduziert, wodurch die Gelegenheiten für persönlichen Austausch abnehmen und die dyadische Kommunikation beeinträchtigt wird. Dies erhöht das Risiko für körperliche und psychische Störungen und enthüllt dysfunktionale Persönlichkeitszüge des*der Geliebten*.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Forschung schon viele Gründe für Scheidungen entdecken sowie Prozesse bis dorthin aufdecken konnte. Die Hauptgründe für Scheidungen sind dysfunktionale Charakterzüge der Partner*innen und mangelnde dyadische Kompetenzen. Das Gute daran ist, dass man letzteres als Paar wieder erlernen und trainieren kann. Es gilt, in die Partnerschaft zu investieren, wer lange glücklich und zufrieden bleiben will. Dieser Eintrag basiert auf der Forschung von Martina Zemp & Prof. Dr. Guy Bodenmann (2013) "In guten wie in schlechten Zeiten? - Warum schlechte Zeiten in Scheidung enden können" geschrieben von Rebecca Vollenweider

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