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Stress - das kleine Einmaleins

Bist du schon mal von der Arbeit nach Hause gekommen und wolltest einfach nur noch deine Ruhe? Hattest du schon Momente mit den Kindern, in denen dir alles zu viel wurde? Kannst du dich an das letzte Gespräch erinnern, welchem du am liebsten aus dem Weg gegangen wärst? Es würde mich nicht wundern, wenn deine Antwort auf mindestens eine dieser Fragen «ja» gewesen wäre. Denn wir alle kenne ihn, den Stress, der sich oft still und heimlich in unser Leben schleicht und auf alles, was wir tun, seinen Einfluss nimmt. So erstaunt es nicht, dass man sich oft selbst beim Sprechen mit Aussagen ertappt wie: «Ich gehe noch schnell..», «Ich mache noch kurz..», «Ach, das kann ich auch noch rasch erledigen..». Wieso muss alles in Eile passieren? Wieso machen mir uns selbst diesen Druck? Um uns diesen Fragen zu nähern, werden wir uns heute das Konstrukt Stress einmal genauer anschauen.


Was ist Stress?

Es gibt seit der Zeit der Stressforschung einige Theorien, welche sich mit diesem Konstrukt befassen. Am meisten Akzeptanz findet das transaktionale Stressmodell von Lazarus & Folkman (1984), welches besagt, dass nicht der Reiz selbst (das schreiende Kind, Leistungsdruck auf der Arbeit, etc.) Stress in einem auslöst, sondern wie wir den jeweiligen Reiz bewerten. Dabei wird in zwei gleichzeitig ablaufenden mentalen Prozessen eingeschätzt, ob die spezifische Situation mit dem Stressor für mich persönlich gerade positiv, neutral oder negativ ist und welche Anforderungen die Situation an mich stellt und ob ich genügend Bewältigungsressourcen für die Anforderungen momentan zur Verfügung habe. Fällt mindestens ein Prozess negativ aus – Situation wird als negativ bewertet oder meine Bewältigungsressourcen entsprechen den Situationsanforderungen nicht – dann entsteht Stress bei mir. Es geht also beim transaktionalen Stressmodell um eine Interaktion zwischen Mensch und Umwelt. Somit ist Stress ein situatives Ereignis, welches durch eine Person als herausfordernd, bedrohend oder schädigend angesehen wird oder unter gegebenen Anforderungen die eigenen wahrgenommenen Ressourcen beansprucht oder überschreitet. Man kann daher nicht von allgemeinen Stressoren ausgehen, weil die Bewertung des Stressors von der Lernerfahrung der Person, ihrer momentanen Stimmung und den Situationsanforderungen abhängig ist. Wir können also gewisse Ereignisse als unterschiedlich stressig wahrnehmen. Für mich wäre es beispielsweise ein riesiger Stress, einen Vortrag an einer Konferenz zu halten. Für andere Personen wäre dies ein absoluter Glücksfall, um ihr Wissen weitergeben zu können. Was löst bei dir Stress aus?


Welche Stress-Formen gibt es?

Eine erste Differenzierung kann bei der Stressor-Qualität gemacht werden. Negativer Stress kann uns fordern und wirkt daher motivierend (Eustress), wenn die eigenen Ressourcen nicht überstrapaziert werden. Hingegen kann rein negativer Stress (Distress) mit hoher Beanspruchung unserer Ressourcen bedrohend, hilflos oder provokativ wirken.


Stress kann weiter anhand von der Intensität (Makro-/Mikrostress), der zeitlichen Ausdehnung (akut vs. chronisch) und der Betroffenheit (persönlich vs. kollektiv) in verschiedene Kategorien eingeteilt werden. Als Makrostress bezeichnet man grosse Ereignisse wie Naturkatastrophen, Erkrankungen oder Unfälle. Mikrostress sind kleinere Alltagsereignisse wie Partnerschaftskonflikte oder Fluglärm. Akute Stressoren finden nur von Zeit zu Zeit statt oder sind gar einmalig, chronische hingegen sind länger andauernd. Individuelle Ereignisse sind solche, die nur auf einen selbst zutreffen, während sich kollektive Ereignisse an eine grosse Menschengruppe oder Teilbevölkerung richten. Auf welcher Ebene erlebest du häufig Stressoren? Welche könnten für dich besonders fordernd oder überfordernd sein?


Der liebe Alltagsstress

Die Wissenschaft konnte zeigen, dass bei Paaren besonders die chronischen Mikrostressoren belastend wirken. Also die kleinen Stressoren des Alltags, die unsere Nerven belasten können und immer wieder vorfallen. Dies könnten Stress bei der Arbeit, Konflikte im Haushalt oder aber auch Zwischenfälle mit Familien oder Freunden sein. Im Stress-Scheidungsmodell von Bodenmann (2004) wird ersichtlich, dass dieser Alltagsstress die gemeinsame Zeit als Paar reduziert, die Kommunikation verschlechtert, das Risiko auf körperliche und psychische Erkrankungen erhöht und problematische Charakterzüge des*r Partners*in demaskiert werden. Spannend ist, dass besonders paarexternen Mikrostress negative Folgen auf die Beziehung haben kann. Dies liegt am «Spillover-Effekt», dem Phänomen, bei welchem einer oder beide Partner*innen den über den Tag angehäuften Stress durch Arbeit und weiteres mit nach Hause nehmen. Dies kann dazu führen, dass sich ein*e Partner *in mehr zurückzieht oder gereizter reagiert, was das Konfliktpotential innerhalb der Partnerschaft massiv erhöht. Falls längerfristig destruktives Streiten und keine Versöhnung in der Partnerschaft zur Tagesordnung werden, kann dieser paarexterne Stress schliesslich zu einer schrittweisen Entfremdung der Partner*innen und im schlimmsten Fall auch zu einer Trennung führen kann.


Welche Folgen zieht der Stress mit sich?

Stress kann Kurzzeit- sowie Langzeitfolgen aufweisen, welche sich auf unsere Emotionen und Gedanken, unser Verhalten und unseren Körper beziehen. So kann man sich akut emotional angespannt oder nervös fühlen. Dies kann sich jedoch langfristig in einen Erschöpfungszustand, eine chronische Hilflosigkeit oder sogar in eine psychische Störung entwickeln. Das menschliche Verhalten kann durch Stress zu Gereiztheit oder Egoismus neigen und kann mit internalisiertem Verhalten wie Verschlossenheit oder externalisiertem Verhalten wie erhöhter Konsum von Suchtmitteln (Nikotin-, Alkohol- und Medikamentenkonsum) einhergehen. Kurz, unter Stress neigen wir zu riskanten oder ungesunden Bewältigungsstrategien. Auch negative Persönlichkeitsmerkmale, wie beispielsweise cholerische Anfälle, werden durch Stress verstärkt. Langfristig leidet unter Stress die Qualität der Partnerschaftskommunikation, was wiederum zu mehr Partnerschaftskonflikte führt. Mehr Fehlzeiten auf der Arbeit sind weitere Folgen und es kann zudem zur sozialen Isolation kommen. Auch unser Körper wird von den Folgen des Stresses nicht entbehrt: Kurzzeitig können Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Verspannungen und eine erhöhte Herzfrequenz auftreten. Langfristig können diese zu Herz-Kreislauf-Störungen, Diabetes, Magengeschwüren sowie Migränen führen. Was geht in dir vor, wenn du gestresst bist? Meldet sich dein Körper oder verhältst du dich anders?


Wenn es der Psyche zu viel wird

Doch wie kann es sein, dass Stress sogar zu einer psychischen Störung führen kann? Und wieso sind dann nicht alle Personen krank, welche chronisch unter Stress leiden? Einer dieser Gründe könnte die persönliche Toleranzgrenze sein. Das Diathese-Stress-Modell psychischer Störungen geht davon aus, dass Menschen allgemein eine gewisse Anspannung vorweisen. Diese kann je nach aktueller Stresssituation schwanken. Entscheidend ist zudem die Resilienz (bspw. Partnerschaft, soziales Netzwerk, Lebenskompetenzen, etc.) des Menschen oder auch persönliche Toleranzgrenze, welche uns vor Stress schützt. Je toleranter wir sind, desto mehr Stress halten wir aus. Je nach Stressor, welchen wir dann im Alltag erleben, wird diese Toleranzgrenze eingehalten, oder eben nicht, was dann zur Entwicklung einer psychischen Störung führen kann.


Nun ist klarer, dass obwohl wir alle Stress erleben, nicht jedes Erlebnis für jede Person gleich stressig oder überfordernd ist. Manche Menschen reagieren schneller auf kritische Lebensereignisse, während andere eine höhere Stress-Toleranz haben. Doch alleine die Tatsache, dass wir selbst wissen, in welchen Situationen wir uns gestresst fühlen, kann helfen, anders damit umzugehen und sich aktiv Zeit für sich selbst zu nehmen. Denn Stress kann sowohl für die Psyche als auch für den Körper negative Konsequenzen mit sich bringen und dies erst recht, wenn man chronisch darunter leidet.


Dieser Eintrag basiert auf dem Artikel Stressbewältigung von Guy Bodenmann und Simone Gmelch aus dem Jahr 2008 sowie dem Artikel In guten wie in schlechten Zeiten – Warum schlechte Zeiten in Scheidung enden können von Martina Zemp und Guy Bodenmann.



geschrieben von Rebecca Vollenweider

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