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Das Beste für unsere Kinder

Der Traum der glücklichen Kindheit Natürlich wollen wir alle das Beste für die eigene Tochter, wünschen uns, dass der eigene Sohn eine unbeschwerte Kindheit hat und dass unsere Kinder irgendwann zu selbstsicheren, glücklichen und gesunden jungen Menschen heranwachsen. In der Realität erleben jedoch viele Kinder im Verlauf ihrer Entwicklung schwierige Phasen und Probleme. Studien zeigen, dass gut 20 % aller Kinder in westlichen Ländern an Verhaltensauffälligkeiten oder emotionalen Störungen leiden. Für viele Eltern geht also der Wunsch nach einer unbeschwerten Kindheit für ihre Tochter oder ihren Sohn nicht ganz in Erfüllung. Ob und weshalb ein Kind eine Störung entwickelt, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab und leider gibt es kein Zaubermittel, um unsere Kinder davor zu bewahren. Allerdings hat die Forschung in den letzten Jahren viele Risikofaktoren herausgearbeitet, die dazu beitragen können, dass ein Kind ein Problemverhalten entwickelt. Einige davon können wir als Eltern nur schlecht kontrollieren und beeinflussen: So bringen Kinder unterschiedliche genetische Voraussetzungen mit, die sie mehr oder weniger anfällig für bestimmte Erkrankungen oder Störungen machen. Auch das Immunsystem, die Neurochemie oder die körperliche und psychische Widerstandsfähigkeit ist bei jedem Kind anders. Ebenso wird ein Kind von seiner Umgebung in der Schule und Nachbarschaft geprägt. Zudem kann es einen Einfluss haben, ob ein Kind in einem Land mit Armut oder Reichtum, mit Krieg oder Frieden, mit stabilen oder instabilen politischen Verhältnissen aufwächst. Als Eltern können wir an diesen Umständen oft nicht viel ändern. Und meist wissen wir auch gar nicht, auf welche komplexe Art und Weise die verschiedenen Einflüsse zusammenspielen und wie unser Kind auf sie reagiert.


Etwas anders sieht es mit den familiären Risikofaktoren aus. Damit sind Bedingungen gemeint, die ein Kind in seiner (Kern-)familie vorfindet und die einen grossen Einfluss auf seine Entwicklung haben können. In der Forschung haben sich in Bezug auf die Erklärung von kindlichem Problemverhalten drei Punkte als besonders wichtig erwiesen: Das Erziehungsverhalten der Eltern, die Kommunikation der Eltern in Konflikten (dazu gibt es auch einen eigenen Blog-Eintrag) und das Befinden der Eltern. In einer Studie haben Professor Bodenmann und die Forscherin und Therapeutin Annette Cina ein Modell mit diesen drei Aspekten überprüft. Dabei haben sie insbesondere untersucht, wie Stress die Zusammenhänge von familiären Risikofaktoren und kindlichem Problemverhalten beeinflusst. Der folgende Abschnitt beschreibt, was sie dabei herausgefunden haben.


Die Studie An der 1-Jahres-Längsschnittstudie nahmen über 250 Elternpaare aus der Deutschschweiz teil. Sie waren seit durchschnittlich 12.9 Jahren ein Paar und hatten im Schnitt 2.3 Kinder. Beide Elternteile mussten verschiedene Fragebogen ausfüllen. Dazu gehörte ein Fragebogen, der die Häufigkeit von konstruktiver und problematischer Konfliktkommunikation erfasst. Das aktuelle Befinden wurde mit einem Fragebogen zu depressiver Gestimmtheit, Angst und Stressbelastung erfragt. Mittels eines Fragebogens zur Erziehung wurden Erziehungsverhalten und -strategien bei unangemessenem oder schwierigem Verhalten der Kinder erfasst. Mit einem weiteren Fragebogen schätzten die Eltern ihr Kind in Bezug auf verschiedene problematische Eigenschaften ein, wobei sie einerseits angeben sollten, wie häufig diese bei ihrem Kind auftraten und ob sie selbst durch bestimmte Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität oder Trotzverhalten belastet waren. Die Forschenden gingen davon aus, dass insbesondere ungünstiges Erziehungsverhalten mit Verhaltensauffälligkeiten der Kinder zusammenhing. Dabei nahmen sie an, dass die Konfliktkommunikation und das Befinden der Eltern das Erziehungsverhalten beeinflusst und somit vor allem indirekt auf das kindliche Problemverhalten wirkt. Weiter hatten sie die Vermutung, dass der aktuelle Stress der Eltern alle drei Faktoren massgeblich mitbeeinflusste und sich somit indirekt (wie auch direkt) auch auf das problematische Verhalten des Kindes auswirkt. Wem das zu kompliziert klingt, schaut sich am besten die folgende Abbildung an.





Resultate Die Studie bestätigte, dass das abgebildete Modell einen Beitrag zur Erklärung von kindlichem Problemverhalten leistet. Wie anfangs beschrieben, kann damit natürlich nicht umfassend erklärt oder vorhergesagt werden, ob ein Kind Schwierigkeiten entwickelt, da nur die wichtigsten familiären Risikofaktoren erfasst wurden. Es zeigte sich jedoch, dass durch die in das Modell einbezogenen Merkmale ungefähr ein Fünftel der Unterschiede in den Elterneinschätzungen des Problemverhaltens ihrer Kinder erklärt werden konnte.


Das Erziehungsverhalten erwies sich als zentral: Bei den Müttern hing das kindliche Problemverhalten (respektive ihre Einschätzung davon) direkt mit ihrem Erziehungsverhalten und ihrem Stress zusammen. Stress wiederum hing mit einer ungünstigen Paarkommunikation in Konflikten und einem schlechteren Befinden zusammen, zwei Aspekte die ihrerseits wieder mit ungünstigerem Erziehungsverhalten und somit indirekt auch mit kindlichem Problemverhalten zusammenhingen.


Die wichtige Rolle von elterlichem Stress wurde somit bestätigt – insbesondere bei den Müttern. Dies ist nicht so verwunderlich, da im Allgemeinen immer noch die Mütter einen Grossteil der Erziehungsarbeit leisten und mehr Zeit mit den Kindern verbringen, weshalb sich der Stress der Mütter stärker auf die Kinder auswirken dürfte als der Stress ihrer Väter.


Auch bei den Vätern hing Stress tendenziell direkt mit dem Problemverhalten ihrer Kinder zusammen (aber schwächer als bei den Müttern), wirkte allerdings auch indirekt über eine ungünstige Paarkommunikation, schlechteres Befinden und ungünstiges Erziehungsverhalten auf das Verhalten des Kindes. Im Unterschied zu den Frauen hing das Befinden der Väter direkt mit ihrer Einschätzung des kindlichen Problemverhaltens zusammen. Wenn es also einem Vater schlecht ging, beurteilte er das Verhalten seines Kindes eher als problematisch.


In Kürze Die Studie konnte zeigen, dass elterlicher Stress einen Einfluss auf die Entstehung und Aufrechterhaltung von kindlichem Problemverhalten haben kann. Ebenso bestätigen die Resultate, dass vor allem dem Erziehungsverhalten der Eltern eine wichtige Rolle zukommt. Die Art, wie Eltern zusammen streiten und ihr eigenes emotionales Befinden können dabei das Erziehungsverhalten beeinflussen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass ein Kind mit Verhaltensproblemen seinerseits wiederum zu einem höheren Stresspegel der Eltern und der ganzen Familie führt.


Was nun Die Studie bestätigte, dass unsere Art in Paarkonflikten miteinander umzugehen, unser Befinden und insbesondere unser Erziehungsverhalten eine negative Entwicklung unseres Kindes begünstigen können. Diese Risikofaktoren können jedoch ebenso zu Schutzfaktoren werden, wenn sie positiv ausgeprägt sind. Die Ergebnisse der Studie bedeuten jedoch nicht, dass wir als Eltern perfekt sein müssen, nie mehr streiten dürfen und unseren Kindern nur noch mit dem Erziehungsratgeber vor der Nase begegnen sollten. Aber wir können unseren Kindern etwas Gutes tun, in dem wir uns selbst Sorge tragen, in dem Wissen, dass unser Befinden einen Einfluss auf das Befinden unserer Kinder hat. Wir können unseren Kindern etwas Gutes tun, indem wir unsere Partnerschaft pflegen, in dem Wissen, dass es für unsere Kinder nicht egal ist, wie wir miteinander umgehen. Und wir können ihnen etwas Gutes tun, indem wir uns überlegen, wie unser Alltag ein bisschen weniger stressig werden könnte oder wie wir – allein und als Paar – anders mit Stress umgehen könnten. In dem Wissen, dass Stress einen Einfluss auf sehr viele Bereiche unseres Lebens, wie unser Befinden, unsere Partnerschaft und unser Erziehungsverhalten hat. Wenn du merkst, dass du in einem oder mehreren dieser Bereich anstehst, kann das Beste für dein Kind (und auch für dich) sein, dir Unterstützung zu holen – beispielsweise durch Entlastung durch den Partner, Freunde oder Familienmitglieder oder wenn alles nichts hilft in einer Paar- oder Erziehungsberatung. Denn es ist normal, dass wir manchmal selbst nicht weiterkommen oder mit den Herausforderungen des Lebens überfordert sind. Wenn dein Kind bereits auffällig ist oder Schwierigkeiten hat, ist das sowohl für dich als Elternteil, als auch für die ganze Familie sehr belastend und generiert zusätzlichen Stress. Dann ist es umso wichtiger sich Hilfe zu holen. Für dich als Mutter oder Vater und für dein Kind. Dieser Blog-Eintrag basiert auf dem Artikel „Zusammenhang zwischen Stress der Eltern und kindlichem Problemverhalten aus dem Jahr 2009 von Dr. Annette Cina und Prof. Dr. Guy Bodenmann.

geschrieben von Noëmi Ruther

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